Neuanfänge

Veränderungen machen oft Angst. Aus diesem Grund lassen wir die Dinge häufig lieber wie sie sind. Das gilt auch für Beziehungen. Oft auch für unbefriedigende, unglücklich machende, dysfunktionale Beziehungen. Wir leiden; doch was wir haben, kennen wir. Was wir kennen, scheint uns sicherer als das Unbekannte – es könnte ja noch schlimmer kommen.

Manchmal jedoch geraten wir in Krisen, befinden uns plötzlich in Situationen, die uns entgleiten. Vielleicht haben wir sie selbst herbeigeführt, vielleicht auch nur unseren Teil dazu beigetragen. In manche geraten wir ganz unverschuldet (z.B. durch den Tod eines geliebten Menschen). Auch wenn wir uns selbst für die Auflösung einer Beziehung entschieden haben, weil es einfach so nicht weitergehen konnte, können wir in eine persönliche Krise geraten.

Der Boden scheint uns buchstäblich unter den Füßen weggerissen, wir verlieren den Halt. Wir befinden uns gefühlsmäßig in einem Dschungel, in dem wir Gefahr laufen, die Orientierung zu verlieren. Wir werden aus gewohnten Zusammenhängen und Abläufen und vielleicht auch aus weiteren zwischenmenschlichen Verbindungen gerissen.

Egal, ob diese Veränderungen von uns initiiert wurden oder nicht, in solchen Krisen brauchen wir Mut. Mut, den wir der Angst entgegenstellen können. Mit diesem Mut eröffnen wir uns die Möglichkeit, die Krise zu einer Chance werden zu lassen: einer Chance zur Veränderung. Zu einer Chance für persönliches Wachstum.

Mut zu haben bedeutet erst einmal, die Herausforderung anzunehmen.

Manch einer mag sich fragen: Wie erlange ich diesen Mut? Aus therapeutischer Sicht ist es hilfreich, einige der Schritte etwas näher zu betrachten, die zu persönlicher Veränderung führen können und diejenigen Prozesse ins Auge zu fassen, die förderlich sind, um missliche Lagen als Chance zu nutzen.

Als erstes ist es wichtig, sich darüber klar zu werden, was gerade passiert, hier, jetzt, in dem Moment, wo wir den Boden unter den Füßen zu verlieren glauben. Achtsam sich selbst zu betrachten. Vielleicht können wir uns eingestehen, dass wir gerade einen Verlust erleiden (auch wenn eine Trennung vielleicht befreiend wirkt, bedeutet das Realisieren, in einer Beziehung gescheitert zu sein, oft einen großen Verlust: den Verlust einer Hoffnung, eines Bezugssystems, manchmal eines Lebensplanes), dann können wir den Schmerz darüber annehmen. Schmerz anzunehmen heißt nicht, ihn „willkommen zu heißen“ oder umgekehrt, darin zu versinken. Schmerz anzunehmen bedeutet, wahrzunehmen, dass mir da etwas wirklich weh tut. Dieses eingestehende „ja, so ist das“, das wertfreie Beobachten dessen, was ist, lässt uns Abstand nehmen, führt uns zu größerer Klarheit. Diese Klarheit bedeutet auch, sich bewusst zu werden, dass alles, was lebt, im Wandel ist. Dinge verändern sich. Auch unsere Beziehungen, auch wir selbst. Achtsam sein mit uns selbst hilft uns, die Situation, in der wir uns befinden und uns selbst, mit unserer Angst, mit unserem Schmerz zu akzeptieren und anzunehmen. Achtsam sein bedeutet in diesem Moment, auch die bestehenden Probleme nicht zu verdrängen, sich andererseits auch in diesen nicht zu verlieren – aber: sie zu betrachten, zu versuchen sie zu benennen, um dann, aus der entstehenden Distanz heraus, feststellen zu können, was wir brauchen und wollen oder eben nicht mehr wollen.

Akzeptanz ist ein weiteres wichtiges Element für Veränderung. Sich selbst zu akzeptieren, aber auch den Anderen. Mit allen Unzulänglichkeiten und Unmöglichkeiten. Wenn es uns gelingt, das Gute im Vergangenen zu würdigen und uns selbst und dem Anderen zu verzeihen, dann wird Loslassen möglich. Die Sicht, dass jeder Mensch in einem bestimmten Augenblick das Beste tut, was ihm in diesem Augenblick möglich ist, kann das Verzeihen erleichtern. Manchmal ist es (noch) nicht möglich, dem Anderen zu verzeihen, dann mag es hilfreich sein, sich selbst anzunehmen, als jemanden, der noch nicht verzeihen kann. Das Gute im Vergangenen würdigen bedeutet nicht nur Dankbarkeit für die schönen Momente und für das, was wir erleben durften. Es bedeutet auch, die Lektionen zu achten, die uns das Leben gelehrt hat, wie auch die Person, die sie uns beigebracht hat. Wenn wir diese Dankbarkeit empfinden können, kann uns das in schwierigen Situationen helfen, uns den zu bewältigenden Aufgaben, dem Neuen zuzuwenden, statt dem Alten anzuhaften. Festhalten, Kontrolle und der Versuch zu manipulieren, bringen nur neuen Schmerz. Wenn es gelingt loszulassen, dann wird der Blick nach vorne frei.

Der Blick nach vorne bedeutet: Motivationen zu suchen, Ressourcen aufzuspüren, ein Ziel anzuvisieren.

Hier wird nun ganz wichtig, unsere Wahrnehmung auf das Hilfreiche, Förderliche, Vorwärtsbringende zu richten. Wir können Dinge und Situationen stets von verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Wir nehmen sie unterschiedlich war, je nachdem, worauf wir achten, welche „Brille“ wir tragen, wie wir das, was wir sehen bewerten.

Wenn mein Partner mich verlässt, weil er mich nicht mehr liebt, kann ich das als großes Unglück sehen, als Abwertung, als Verletzung, als Zeichen, versagt zu haben, nicht wertvoll  oder wichtig genug zu sein oder gar als Schande.

Ich kann es aber auch als Chance sehen, mir einen neuen Partner zu suchen, der besser zu mir passt, der mehr auf mich eingeht, mich mehr respektiert. Und mich befreit fühlen von einer unglücklichen Beziehung, die ich vielleicht selbst nie verlassen hätte. Vielleicht gelingt es mir sogar, mir bewusst zu machen, dass ich, obwohl mich mein Partner nicht mehr liebt, dennoch ein liebenswerter Mensch bleibe; und er auch.

Dies nur als Beispiele für Bewertungen, die wir vornehmen könnten. Was in jedem Fall zutrifft: wir werden uns entsprechend der vorgenommenen Bewertungen fühlen. Traurig, wütend, beschämt einerseits oder glücklich, gelassen, befreit andererseits.

Es ist also hilfreich, sich ein Bild zu machen darüber, wie wir uns unsere Wirklichkeit konstruieren. Das braucht etwas Übung. (Manche dieser Betrachtungsweisen werden uns vielleicht nie klar, wir betrachten schließlich gewisse Dinge schon einen großen Teil unseres Lebens in gleicher Weise!). In dem Moment, wo wir einen Neuanfang machen wollen, ist es aber äußerst wichtig, unsere Aufmerksamkeit auf solche Sichtweisen und Bewertungen zu richten. Wenn ich glaube, dass ich etwas schaffe, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass eben dies eintrifft um ein Vielfaches größer, als wenn ich von vornherein glaube, das was ich vorhabe, sei aussichtslos!

Wer erfolgreich neue Wege gehen will, richtet seinen Blick ganz bewusst auf das, was ihn unterstützt und motiviert, was ihm Halt gibt und Kraft. Was brauche ich gerade? Wie kann ich es erreichen? Was würde mir Freude machen, mich entspannen, was mir helfen, diese schwierige Aufgabe zu bewältigen? Welche Personen bauen mich auf, können mir als Vorbild dienen, welche Kontakte sollte ich im Augenblick eher meiden, weil sie mich zu viel Energie kosten? Welche Fähigkeiten habe ich, die mich weiterbringen? Welche Erfahrungen habe ich schon gemacht, die mir jetzt helfen können? Gab es schon ähnliche Situationen, die ich erfolgreich gemeistert habe und wie ist mir das gelungen?

Wer erfolgreich Veränderungen vornehmen will, hat mit dem Annehmen der eigenen Persönlichkeit und dem Akzeptieren der Situation, dem Loslassen von dem, was loszulassen ist und dem Ziel vor Augen, wohin der Weg gehen soll, den hilfreichen Gedanken und der förderlichen Wahrnehmung schon ein taugliches Paket geschnürt, mit dem er sich auf den Weg begeben kann.

Nun ist es wichtig, sich auch entschlossen in Bewegung zu setzen. Etwas zu verändern bedeutet immer auch, aktiv daran zu arbeiten. Wir selbst sind verantwortlich. (Egal, ob wir Schuld an Vergangenem haben oder nicht, für Zukünftiges tragen wir Verantwortung.) Das kann heißen: Kontakte knüpfen, um Hilfe bitten, Unterstützung organisieren, sich ablenken, wo Ablenkung kurzfristig nötig ist. Um dann wieder beherzt einen nächsten Schritt zu tun. Neue, ungewohnte, beängstigende Situationen aktiv anzugehen, braucht Mut. Gerade wenn Schritte anstehen, die uns Angst einflößen, müssen wir uns bewusst machen, dass Angst zurückweicht, wenn man ihr in die Augen schaut. Das bedeutet: Die Aufgabe als Herausforderung betrachten, statt als Bedrohung, um diese dann in „kleinen Portionen“ zu bewältigen. Kleine Schritte gehen! Mit jeder beängstigenden Situation, der wir uns einmal gestellt haben, wird es leichter.

Wenn wir merken, wir kommen nicht weiter, betrachten wir wiederum achtsam die Situation: Was passiert gerade? Wo habe ich einen nicht hilfreichen Blickwinkel eingenommen? Trage ich gerade die falsche „Brille“? Oder habe ich vielleicht noch nicht wirklich gesehen, was zu verändern ist? Vielleicht müssen wir uns auch wieder in Selbstakzeptanz üben und uns für den Moment eingestehen, dass wir uns das zwar wünschen würden, aber zu einem bestimmten Schritt noch nicht ganz bereit sind.

Wir brauchen nicht zu versuchen, etwas zu erzwingen. Tun wir die Schritte, die in dem Moment gerade etwas leichter fallen, werden die anderen folgen. Wir dürfen darauf vertrauen, dass gewisse Prozesse von selbst ablaufen, wenn wir sie zulassen. Immer im Bewusstsein, dass wir dahin kommen, wohin wir uns ausrichten, wohin wir steuern.

Wenn wir im Augenblick noch keinen Mut finden, nicht loslassen wollen, nicht verzeihen wollen, dann dürfen wir uns für den Moment getrost eingestehen, dass das so ist. Dann dürfen wir uns selber als jemanden akzeptieren, der noch nicht vorwärts gehen kann. Wertfreie Akzeptanz, dass gewisse Dinge sind, wie sie sind, schafft Klarheit. Klarheit ist der erste kleine Schritt zur Freiheit, Entscheidungen zu treffen.

Manchmal hilft es, auf dem Weg durch die Krise jemanden an der Seite zu haben. Einen Freund, ein Familienmitglied, einen Coach, einen Berater. Wohlwollende Unterstützung und der Blick von außen machen manche Schritte einfacher.

Doch manchen reicht die aussichtsreiche Perspektive, das Ziel am Ende des Weges, um den Mut zu fassen, die Herausforderung anzunehmen, die Veränderung zu wagen, sich auf den Weg zu machen, im Vertrauen darauf, anzukommen.

Achtsamkeit in der Partnerschaft

Umarmung

  • „Immer wieder das gleiche. Ich kann gar nicht anders. Sobald ich das Thema nur rieche, werde ich aggressiv.“
  • „Ich will das gar nicht, aber das passiert so schnell, so schnell kann ich gar nicht denken.“
  • „Das bin gar nicht ich -`es´ reagiert einfach!“

Kommt Ihnen das bekannt vor?

In den meisten Partnerschaften gibt es Themen oder Situationen, die wie ein „rotes Tuch“ funktionieren: Sie ziehen fast magisch unsere Aufmerksamkeit an, wir reagieren darauf reflexhaft und unkontrolliert, meist immer wieder gleich, oft abwehrend, aggressiv oder vermeidend. Die Antwort unseres Partners kommt meist genauso schnell und unüberlegt – ein ganzer Teufelskreis an Reaktionen wird aktiviert und verselbständigt sich.

Da provoziert eine scheinbar harmlose Frage (klassisches Beispiel: „Wo sind denn meine Schuhe/Socken/etc. sind?“) eine Antwort, die einem Vulkanausbruch gleicht („Bin ich denn Deine Mutter?“/“Was glaubst Du denn, wo Du hier bist?“/“Dort, wo Du sie in Deiner Faulheit mal wieder liegengelassen hast!“ und ähnliches).

Manchmal sind es bestimmte Themen (vorzugsweise Sauberkeit und Ordnung, Geld, Schwiegereltern, Kindererziehung u.ä.), manchmal Situationen wie z.B. das nach Hause kommen nach der Arbeit oder der Aufbruch in den Urlaub, die es „in sich haben“.

Auch wenn wir uns dafür ein wenig schämen, wenn wir in ruhigeren Minuten darüber nachdenken; auch wenn wir uns regelmäßig vornehmen, beim nächsten Mal nicht mehr so heftig oder einseitig zu reagieren – beim nächsten Mal ist alles wie gehabt. Die Situation eskaliert, die Kommunikation wird abwertend oder verstummt, keiner fühlt sich gehört oder verstanden und vor allem: keiner fühlt sich wirklich als Herr/Frau der Lage.

Wir sind im Stress.

Wenn wir diese Situationen tatsächlich als Stresssituationen betrachten, sind unsere Reaktionen sogar ganz „normal“.

In der Stressforschung  beschreibt der Begriff der „Präkognitiven Emotionen“ die Erfahrung, dass in bestimmten Situationen heftige körperliche (wie z.B. Herzklopfen, Schwitzen, Muskelanspannung) und emotionale Stressreaktionen so schnell, geradezu reflexhaft, ausgelöst werden, dass überhaupt keine Zeit für gedankliche Abwägungen, Einschätzungen und Entscheidungen bleibt. (Nehmen wir als Beispiel, dass in einer Gegend, wo es Schlangen gibt, etwas gekrümmtes auf dem Weg liegt. Die erste Reaktion entspricht wahrscheinlich erst mal dem, was „eine Schlange!“ auslösen würde.) Die kognitiven Erwägungen erfolgen dann erst in einem zweiten Schritt und erklären sozusagen im Nachhinein, ob die Alarmreaktion überhaupt gerechtfertigt ist. (So wäre im Beispiel des gekrümmten Objekts die Reaktion gerechtfertigt, hilfreich und nötig, wenn es sich tatsächlich um eine evtl. giftige Schlange handelt und Entwarnung wäre gegeben, für den Fall, dass da nur ein Stück Holz auf dem Weg liegt.)

Die moderne Hirnforschung hat tatsächlich entdeckt, dass das lymbische System, das „Gefühlshirn“, den eigentlichen Denkprozessor, die Hirnrinde, durch einen Kurzschluss umgehen kann. Dass emotionale und körperliche Stressreaktionen gewissermaßen den Kognitionen voraus eilen (Joseph le Doux 1999).

Doch was macht die oben beschriebenen Situationen überhaupt zu Stresssituationen für das Paar? Was lässt Socken und Schuhe so wichtig werden? Was „triggert“ uns so?

Wohl das, was wir daraus machen. Die Bedeutung, die die Aussage oder die Situation für uns, oft unbewusst, hat. Viele unserer Reaktionen sind durch unbewusste Vorgänge gesteuert, durch im Unterbewusstsein gespeicherte Erfahrungen oder durch Glaubenssätze, die wir uns im Laufe unseres Lebens eingeprägt haben, deren Existenz wir oft selbst gar nicht wahrnehmen. So kann die Frage nach ein paar Schuhen schnell als ein Appell gehört werden: Du musst für mich sorgen! – Der dann evtl. heftig zurückgewiesen wird. Oder ein Glaubenssatz wie „du musst es allen Recht machen“ führt plötzlich zu einer heftigen Reaktion, weil wir irgendwann überfordert sind, wenn wir ständig diesen Glaubenssatz erfüllen „müssen“.

Andererseits übersehen wir manchmal, dass unser Partner evtl. in dem Augenblick, in dem wir uns begegnen, aus einer „anderen Welt“ auf uns trifft. Vielleicht trägt er gerade noch den ganzen Stress des Tages mit sich herum, ist bereits angespannt, wenn wir aufeinander treffen. Vielleicht stehen wir selbst noch unter dem Druck, den das Verhalten unseres Chefs erzeugt hat oder sind ärgerlich über einen Kollegen, der uns mit seinem Verhalten provoziert hat. Oder der Alltag zu Hause, mit den Kindern, war mal wieder nervaufreibend. Wie auch immer: Weil viele dieser Aspekte unbewusst sind, können wir sie in den entsprechenden Situationen nicht berücksichtigen oder umgehen.

Und so kommt es, dass im Stress nicht nur konfliktgefährdete Situationen und bestimmte Verhaltensmuster, die unsere partnerschaftliche Beziehung prägen, verschärft werden, sondern auch charakteristische negative Persönlichkeitszüge (wer hätte sie nicht!). Wir werden dann buchstäblich zum Prototypen unserer negativen Eigenschaften.

Ist uns zu helfen?

Die konkrete Frage vieler Paare ist: Wie können  wir in Situation x erreichen, dass wir nicht mehr mit Verhalten y reagieren?

Der Paartherapeut Hans Jellouschek empfiehlt, in Situationen, wo das „rote Tuch“ winkt, Methoden aus der Achtsamkeitspraxis zu benutzen, um neuen Handlungsspielraum zu gewinnen. Er folgt damit Viktor Frankl´s Motto:

Zwischen Reiz und Reaktion liegt die Freiheit.

Viktor Frankl

 

Achtsam sein bedeutet, mit der ganzen Aufmerksamkeit im „Hier und Jetzt“ sein. Zu beobachten, was wirklich ist (nicht, was sein sollte): Wahrzunehmen ohne Veränderungswunsch.

Achtsamkeit in Stresssituationen bedeutet, kurz inne zu halten und wahrzunehmen, was in mir vorgeht, in diesem Moment. Meine innere Reaktion zu beobachten. Was für körperliche Empfindungen habe ich gerade? Sind da ungute Gefühle? Welche Gedanken, Fantasien, Handlungsimpulse habe ich?

Durch Achtsamkeit wird eine Lücke geschaffen, in der die Hirnrinde doch noch zugeschaltet wird. Wenn wir achtsam sind, nehmen wir eine Beobachterposition ein. Dies ermöglicht Distanz, welche wiederum reflektiertes Handeln möglich macht. So können wir uns entschließen, wie wir reagieren möchten. Ob wir den verspürten Ärger rauslassen, uns für eine sachliche Antwort entscheiden oder den Weg einer humorvolle Reaktion gehen, steht uns frei. Da ist aber ein wesentlicher Unterschied: Wir haben die Wahl. Statt des oben beschriebenen „ferngesteuerten“ Zustandes, gelangen wir durch Achtsamkeit in die Position, bewusst zu entscheiden wie wir reagieren wollen.

Damit in Stresssituationen tatsächlich die Möglichkeit besteht, innezuhalten und achtsam zu sein, sind im Vorfeld ein paar wenige Schritte von großem Nutzen:

Das Paar darf wissen, dass es „normal“ ist, zu reagieren, i.e. im Stress „Muster“ zu haben.

Wenn die Partner in einem ruhigen Moment überlegen, welches typische Situationen oder Themen sind, in denen sie immer mit den gleichen Verhaltensweisen reagieren (immer wenn x dann y), dann sind sie besser gewappnet, im konkreten Fall Maßnahmen zu ergreifen. Jellouschek spricht von „roten Ampeln“, von Warnsituationen, -stimmungen, -themen, die die Bedeutung haben „Achtung, gleich sind wir wieder drin!“

Bei aufsteigendem Ärger kann es sehr nützlich sein, diesen mit Verständnis für sich selbst wahrzunehmen und sich klar zu werden, dass in anderen Situationen eine solche Ärgerreaktion durchaus angebracht wäre, dass zudem nur ein Teil von uns verärgert ist, ein anderer Teil gleichzeitig oder zumindest später diese Reaktion evtl. heftig kritisiert. Auch Gunther Schmidt hält es für sinnvoll, als Konferenzleiter seine „inneren Teile“ zu betrachten (Innere Konferenz), im Sinne von: „das bin ich nicht, das ist nur ein Teil von mir“. Um in dieser Beobachterposition die Situation neu zu bewerten. Durch Achtsamkeit entsteht mehr Eigenkompetenz, erleben wir mehr Gestaltungsfähigkeit und mehr Wahlfreiheit.

Ich glaube, dass es eine große Hilfe für Paare in der Beratung ist, neben Kommunikationsfertigkeiten auch Übungen in Achtsamkeit vermittelt zu bekommen. Gerade eben, um den Weg in die Sackgasse zu vermeiden. Achtsamkeitspraxis ist durchaus auch für Menschen attraktiv, die mit Meditation und Spiritualität nichts „am Hut“ haben. Übungen in Achtsamkeit helfen, wieder mehr zu sich selbst zu kommen (Was geht wirklich in mir vor, ganz konkret, gerade jetzt? Welche Wirklichkeit konstruiere ich mir gerade? – aber auch grundsätzlicher: Was entspricht meinem Wesen, wozu kann ich wirklich stehen, wie möchte ich mich verhalten?). Übungen in Achtsamkeit ermöglichen aber auch, durch das „mehr bei sich selber sein“ feinfühliger für den Partner zu werden.

Achtsamkeit in der Partnerschaft gibt uns die Möglichkeit, den Anderen in seinen Gefühlen wahrzunehmen, leichter zu erkennen, was wohl bei ihm grad „ist“.  Optimal natürlich, wenn er selbst achtsam mit seinem „Hier und Jetzt“ umgeht und uns vermitteln kann, was wirklich bei ihm los ist.

So brauchen wir nicht zu deuten, was der Andere wohl meint, welche Wirklichkeit für ihn wohl grad aktuell ist, in welcher „Konstruktion“ er sich gerade aufhält. Achtsamkeit gibt uns die Möglichkeit, den Worten unseres Gegenübers nicht unser Bild, unsere Bedeutung überzustülpen. Sondern die Wirklichkeit des Anderen erfassen zu können und ihm so mit mehr Respekt und Verständnis begegnen zu können.

Mehr zum Thema Achtsamkeitspraxis hier.http://paarberatung-maurer.de/philosophie/achtsamkeitspraxis

Paartherapie bei schwerer Erkrankung eines Partners

Eine schwere, in manchen Fällen chronische, manchmal potentiell tödliche Krankheit eines Partners stellt eine immense Belastung nicht nur für die beiden Partner, sondern auch für die Beziehung dar. Dies gilt sowohl für psychische (z.B. Depression) wie auch körperliche (z.B. Krebserkrankung) Krankheiten.

So ist es in vielen Fällen sinnvoll, neben der ärztlichen und psychotherapeutischen Behandlung des erkrankten Partners, auch als Paar professionelle Hilfe heranzuziehen.

Die Konfrontation mit einer schweren oder chronischen Erkrankung stößt außerordentliche Dynamiken bei beiden Partnern an. Die zuvor in der Beziehung eingenommenen Rollen können nicht mehr erfüllt werden, Aufgaben müssen „umverteilt werden“, neben Angst, Hilflosigkeits- und Überlastungsgefühlen können Schuldgefühle, Ungeduld und Wut auf beiden Seiten auftauchen.

Im Gegensatz zu einer akuten Krankheit ist kein Ende absehbar, was die Gefühle des Ausgeliefertseins und das Empfinden des „nicht mehr Könnens“ verstärkt.

Beide Partner leiden. So brauchen beide, der kranke wie der gesunde Partner, Unterstützung und Beratung. Beide haben das Bedürfnis Wertschätzung und Anteilnahme zu erfahren und ernst genommen zu werden mit ihren Anliegen, Sorgen und Ängsten. Wie sie sich die Partner dies auch gegenseitig geben können, kann Inhalt einer Paartherapie sein.

Unter Umständen haben sich, mit dem schleichenden Beginn der Krankheit, hinderliche Verhaltensweisen und Denkmuster in die Beziehung eingeschlichen, die einen Blick von außen nötig machen, um aufgedeckt werden zu können.

Wurde die Beziehungsqualität schon vor dieser Krise als unbefriedigend beurteilt, so wird die Krankheit manchmal als unüberwindbares Hindernis für das Paar empfunden. Aber auch bei einer als gut empfundenen Beziehung und zusätzlichem guten Willen des gesunden Partners, den kranken Partner nach bestem Können zu unterstützen, kann es in einer solchen Überforderungssituation zu ambivalenter Unterstützung  mit großen Anteilen an Abwertung (z.B. bereitwilliges Helfen mit ständig vorwurfsvollem Gesprächston) oder gar zu feindseliger Unterstützung kommen. Hier ist Klärung nötig und Kommunikationstraining oft schon eine Hilfe.

Eine Tatsache, die sehr oft übersehen wird und die immer wieder zum Scheitern wohlgemeinter Bemühungen führt, ist, dass auch gut gemeinte, empathische Unterstützung dysfunktional sein kann. So lohnt es sich, auch darauf ein Auge zu halten:

Eine schwere Krankheit kann das Selbstwertgefühl und das Selbstvertrauen des Betroffenen stark beschädigen. So kommt es oft zu Gefühlen der Hilflosigkeit, Wertlosigkeit, Hoffnungslosigkeit. Gut gemeinte Zuwendung von Seiten des gesunden Partners, Verständnis, Entlastung, Schonung und Unterstützung werden in solchen Situationen empfunden als Abhängigkeit, Entmündigung, Ungleichgewicht; die eigene Person wird als schwach und dem Gesunden zur Last fallend gesehen. Der gesunde Partner wird als zu mächtig und zu einflussreich empfunden. Dies alles kann dazu führen, dass sich der Kranke noch wertloser, noch hoffnungsloser, noch schuldiger fühlt (diese auch bei Depression typischen Symptome werden dadurch geradezu aufrechterhalten, die Müdigkeit und Antriebslosigkeit in der Folge verstärkt, was wiederum die Selbstkritik und Selbstabwertung vermehrt. Ein Teufelskreis entsteht). Außerdem wird oft die Krankenrolle durch diese Privilegien der Schonung, Fürsorge und Unterstützung noch unterstützt.

So können sich, manchmal ziemlich abrupt, oft aber über Jahre sich einschleichend, Muster entwickeln, die dazu führen, dass die Beziehungsqualität abnimmt, statt wie gewollt sich zu verbessern. Zumal sich der gesunde Partner chronisch selbst überlastet, seine Bedürfnisse und Interessen vernachlässigt, sich immer stärker als unwirksam und hilflos empfindet.

So ist es Bestandteil einer begleitenden Paartherapie, den Partnern zu zeigen, dass konstruktive Unterstützung nicht nur liebevollen, verständnisvollen Umgang meint, sondern auch klares und grenzsetzendes Verhalten auf beiden Seiten verlangt; dass die Selbstpflege des Gesunden genauso wichtig ist und nicht nur einseitige, sondern gegenseitige Unterstützung gefragt ist. Diese Reziprozität ist zentral, um das Gleichgewicht in der Partnerschaft zu erhalten bzw. wieder herzustellen. Die Annahme, dass der kranke Partner nicht auch ein unterstützender sein kann, weil es ihm zu schlecht geht, kann, wie soeben gezeigt, überaus schädlich sein. Natürlich kann es sich in vielen Fällen nicht um ein 1:1 Geben und Nehmen handeln, das Ziel ist eher ein „so viel wie möglich“.

So geht es in dieser Wechselseitigkeit um gegenseitiges Kommunizieren von eigenen Gefühlen, Überlegungen und Erwartungen (keiner der Partner kann hellsehen!) um ehrliches Feedback und aktives Zuhören. Partnerschaftliche Bewältigung  heißt auch, sich in seinen Schwächen, Ängsten, seiner Traurigkeit und Inkompetenz zeigen zu dürfen.  Es geht um gegenseitiges füreinander Dasein, gegenseitige Unterstützung, gegenseitiges Interesse, gegenseitiges Sich-aufeinander-verlassen-können.

Hier kann begleitende Paartherapie ansetzen.

Jenseits des Problems Krankheit kann nach Lösungen gesucht werden, können Ressourcen gefunden und genutzt werden. Was sind die Stärken des Einzelnen, was sind Stärken der Beziehung, die hier genutzt werden können? Was macht das Paar aus, jenseits des Problems? Die unterschiedlichen Problemlösungsstrategien der Partner wertschätzen zu lernen statt zu kritisieren kann das Problemlösungsrepertoire des Paares erheblich vergrößern. So können emotionale Unterstützung (Mut machen, Wertschätzung, Verständnis) und problembezogene Unterstützung (beim Erledigen von Aufgaben helfen) sich ergänzen, aber auch Ablenkung als Sofortmaßnahme und die Beschäftigung mit hilfreichen Gedanken und positiven Selbstwertüberzeugungen, wie auch die Übernahme von zumutbaren Aufgaben im Alltag als konkrete Maßnahmen. Dies alles muss evtl. zunächst reflektiert und eingeübt werden. Es handelt sich um einen Prozess, der Zeit benötigt, der aber jenseits des partnerschaftlichen Handlings der Krankheit die Möglichkeit in sich birgt, die Beziehung als solches, jenseits der Krankheit, wesentlich zu verbessern.